Die positive Fehlerkultur: Warum sie auch für Ihr Unternehmen wichtig ist und wie Sie diese einführen!

Verfasst von Roul Radeke. Zuletzt aktualisiert am 13 Januar, 2024
Lesezeit Minuten.
Aus Fehlern zu lernen, ist auch für Unternehmen eine wichtige Fähigkeit. Sie ermöglicht ihnen, die Veränderung in den Märkten nachzuvollziehen und ihre Produkte oder Dienstleistungen zu verbessern. Gerade Existenzgründern, Startups und jungen Unternehmen wird geraten, bewusst Fehler zu machen und mit den Geschäftsmodellen zu experimentieren. So finden sie ihren Einstieg in das wirtschaftliche Geschehen und ihre Platzierung im Umfeld ihrer Wettbewerber. Damit ist nicht gemeint, dass die Neulinge Fehler am Fließband produzieren; denn jedes Geschäftsmodell ist auf den Erfolg und damit auf die Fehlerfreiheit angelegt. Die weiterführenden Fehler werden bewusst angestoßen, wenn ein Unternehmen die richtige Fehlerkultur lebt.  

Die Fehlerkultur

Unter Fehlerkultur versteht man den Umgang mit Fehlern im Unternehmen. Sie setzt voraus, dass Fehler passieren und dass sie behoben werden. Damit beginnen die Schwierigkeiten; denn jedes Unternehmen ist auf Fehlerfreiheit und die Vermeidung von Fehlern geeicht. Auch Startups sollten sich danach ausrichten, weil Fehler in der Produktion teuer sind und zu Reklamationen führen können. Treten zu viele auf, ist der Ruf als solide Firma in Gefahr, die Kosten der Beseitigung steigen erheblich und gerade für junge Unternehmen erhöht sich die Gefahr des Scheiterns. Deshalb werden häufig Fehler nicht bekannt und nicht behoben. Die Hoffnung, dass trotzdem alles gut geht, wird durch die Angst der Mitarbeiter vor Sanktionen genährt, die sie bei dem Bekanntwerden der Fehler zu erwarten haben. Gerade deshalb ist als Gegengewicht eine Fehlerkultur erforderlich, die sich zu Fehlern bekennt. Sie ermöglicht dem Unternehmen, aus seinen Fehlern zu lernen und vorbeugende Maßnahmen in der betrieblichen Organisation oder in den einzelnen Arbeitsabläufen einzuleiten. Eine positive Fehlerkultur kann auch dazu beitragen, gute Mitarbeiter im Unternehmen zu halten.

Die drei Arten von Fehlern

Damit sich eine Fehlerkultur im Unternehmen entwickeln kann, müssen die Fehler qualitativ unterschieden werden; denn nicht alle eignen sich als Lehrbeispiele und führen zu Lernerfolgen. Deshalb hat Amy C. Edmondson, Novartis Professor für Führung und Management an der Harvard Business School, drei Arten von Fehlern gebildet, die der Klarheit in der Struktur der Fehler dienen:

1. Art: Abstellbare Fehler

Zu dieser Art zählen alle Routinefehler. Sie finden sich in standardisierten Arbeitsabläufen oder automatisierten Produktionsprozessen. Zu ihrer Vermeidung können Checklisten aufgestellt und abgehakt werden. Auch sind in Produktionsprozesse zur Beseitigung der Fehler von außen Eingriffe vorgesehen, indem Fließbänder angehalten werden.

2. Art: Unvermeidbare Fehler

Darunter sind alle Fehler zu verstehen, die unvorhersehbar sind. Dazu gehören der „Absturz“ einer EDV-Anlage, hinterhältige Angriffe von Hackern oder Ausfälle von komplexen Einrichtungen und Organisationen. Bei der Beseitigung unvermeidbarer Fehler können vermeidbare hinzukommen, wenn die Komplexität zur Unübersichtlichkeit führt oder die Reparatur unter Zeitdruck erfolgen muss. Die Aufzeichnung der vermeidbaren Fehler in einer Checkliste ermöglicht ein indirektes Lernen aus unvermeidbaren Fehlern.

3. Art: Intelligente Fehler

Intelligente Fehler werden gemacht, damit aus ihnen gelernt werden kann. Unerheblich ist, ob sie gezielt eingeleitet oder nur in Kauf genommen werden oder unbewusst entstehen. Sie treten in wissenschaftlichen Experimenten auf. Gemäß dem Grundsatz „trial and error“ können sie Teil einer wirtschaftlichen Strategie sein, mit der Kundengruppen oder neue Märkte erschlossen werden sollen. In diesen Fällen sind sie nicht auf einzelne Unternehmen beschränkt, sondern können ganze Branchen betreffen.

Die drei Arten der Fehler geben erste Hinweise für deren Bearbeitung; denn nur die intelligenten Fehler garantieren einen weiterführenden Lernerfolg im Unternehmen.

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Die Bearbeitung der Fehler

Diese Einteilung der Fehler ist einem Unternehmen nur nützlich, wenn es Fehler in Kauf nimmt. Vermeidbare Fehler dürfen allerdings trotz damit verbundener Lernerfolge nicht überhandnehmen, weil sie den Bestand des Unternehmens gefährden können. Diese Einschränkung gilt besonders für Startups und junge Unternehmen. Alle Fehler müssen in den drei Arten kategorisiert, nach Schwere und Häufigkeit bewertet und nach den Orten ihres Auftretens lokalisiert werden. Dabei sind folgende drei Grundsätze zu beachten:

1. Grundsatz: Schnelle Behebung

Fehler sind schnellstmöglich zu beheben. Ihre Auswirkungen auf das gesamte Unternehmen sind oft schwer vorhersehbar. Mögen sie auch in einem klar abzugrenzenden Bereich entstanden sein, so lässt sich daraus nicht unbedingt eine Prognose ableiten, welche Abteilungen oder Arbeitsprozesse betroffen sind oder noch werden. Deshalb ist die schnelle Abhilfe zugleich eine Gefahrenabwehr für das Unternehmen.

2. Grundsatz: Offene Kommunikation

Die offene Kommunikation der Fehler im Unternehmen ist zugleich deren nachhaltigste Beseitigung. Sie ist nämlich eine Bekanntmachung, die mit der Angabe der Lösung verbunden ist. Jeder Mitarbeiter, der davon erfährt, erhält nicht nur einen Bericht des Ablaufs, sondern auch ein Gespür dafür, wo mit ähnlichen Fehlern zu rechnen ist und wie sie beseitigt werden können. Damit die Kommunikation funktioniert, muss die Belegschaft wissen, nach welchen Regeln sie abläuft, wer wen zu informieren hat und mit wem die Beseitigung des Fehlers zu besprechen ist. Insbesondere muss jeder Mitarbeiter die Gewissheit haben, dass die Meldung eines Fehlers keine negativen Folgen für ihn selbst hat. Im Gegenteil ist ihm zu vermitteln, welche schwerwiegenden Folgen für das gesamte Unternehmen auftreten können, wenn er den Fehler verschweigt.

3. Grundsatz: Nachhaltiges Lernen

Für das Unternehmen ist wichtig, dass aus den Fehlern nachhaltig gelernt wird. Die Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse sind in Lernphasen und Leistungszeiten zu gliedern. Die Lernphasen dienen dazu, dass Fehler gemacht werden. Als intelligente Fehler können sie sogar Pflicht sein. Startups und junge Unternehmen dürfen damit nicht übertreiben, um ihren Start in die Selbstständigkeit nicht zu gefährden. Zu Leistungszeiten müssen die Lehren aus den Fehlern fehlerfrei gezogen werden. Auf die Fehlerfreundlichkeit der Lernphase folgt in der Leistungszeit die Fehlervermeidung.

Wenn diese drei Grundsätze beherzigt werden, ist eine systematische Beseitigung der Fehler möglich. Gemeinsame Nutznießer sind das Unternehmen und seine Mitarbeiter, die angstfrei und offen die Fehler und die erforderlichen Gegenmaßnahmen kommunizieren.

Die Einführung der Fehlerkultur

Die schwierigste Aufgabe ist die Einführung der Fehlerkultur. Sie erfolgt in drei Schritten:,

1. Schritt: Bestandsaufnahme

Jedes Unternehmen hat seine eigene Fehlerkultur. Sie ist passiv, wenn sie informell praktiziert wird. Die Führungskräfte und Mitarbeiter verfahren einvernehmlich nach ungeschriebenen Regeln, sobald Fehler auftreten. Aktiv ist eine Fehlerkultur dann, wenn sie offen kommuniziert wird. Die Geschäftsleitung geht nach klaren Regeln vor, in denen die Fehlertoleranz und die Fehlerbeseitigung beschrieben werden.

2. Schritt: Festlegung

Die Richtlinien, nach denen die Fehlerkultur formuliert wird, orientieren sich an den Wertvorstellungen der Unternehmensverfassung. Fehler werden als Chancen definiert, die der Verbesserung der betrieblichen Organisation und von Abläufen in den einzelnen Arbeitsprozessen dienen. Die Verantwortlichkeiten für die Erkennung, Vermeidung und Beseitigung von Fehlern werden genau festgelegt.

3. Schritt: Einführung

Die Einführung der Fehlerkultur beginnt im dritten Schritt und entwickelt sich zu einem permanenten Prozess. Es reicht nicht aus, dass die Richtlinien bekanntgemacht werden. Hilfreich ist sicherlich auch, wenn die Unternehmensleitung eigene Fehler eingesteht und sie öffentlich bearbeitet. So können Ängste in der Belegschaft bei der Meldung von Fehlern gedämpft werden. Am wichtigsten aber ist, dass die Bekämpfung, das Vermeiden von und das Lernen aus Fehlern selbstverständliche Punkte auf den Tagesordnungen werden.

Fazit

Die Fehlerkultur ist ein wichtiger Bestandteil in der Organisation eines Unternehmens. Erst wenn sie aktiv und nicht nur passiv gelebt wird, birgt sie die Chance zu betrieblichen Verbesserungen. Der Aufruf, gerade an Startups, Fehler zu machen, um daraus zu lernen, sollte mit Vorsicht behandelt werden. Die positive Fehlerkultur ermöglicht, intelligente Fehler zu begehen, aus ihnen zu lernen und sie nicht zu wiederholen.


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Roul Radeke ist Gründer und Geschäftsführer von Selbststaendigkeit.de. Das Onlineportal bietet Existenzgründern und Unternehmern News aus der Gründer- und Unternehmerszene, hilfreiches Wissen für die Gründung und Führung von Unternehmen, geförderte Existenzgründungsberatung (AVGS-Coaching) sowie digitale Produkte für die Selbstständigkeit.

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